Marseille

Diesen Text schrieb Gustav Velde für die Jugendzeitung „Créme frâiche" 19????

 

Zu Weihnachten bekam ich ein Buch von Pagnol: „Marcell, eine Kindheit in der Provence".

Marcell, in Aubagne geboren, in Marseille aufgewachsen, verbringt seine Ferien in einem kleinen Landhaus etwa auf halben Weg zwischen Aubagne und Marseille in den Bergen.

Als ich das Buch gelesen hatte, stiegen auch bei mir die Erinnerungen auf. Hatte ich doch auch, zwar nicht meine Kindheit, so doch fast 5 Jahre meiner Jugend in und um Marseille verlebt.

Es begann im Dezember 1943, als unsere Einheit aus dem kalten Nordbelgien nach Süden verlegt wurde. Nach einigen Tagen Fahrt Einfahrt im Morgengrauen in einem Bahnhof, rechter Hand schauten Masten und Schiffaufbauten über die Güterschuppen. Wo sind wir? Kein Schild war zu lesen, doch wohl an einem Hafen. Dann, nach dem Ausladen: Marseille, zweitgrößte Stadt Südfrankreichs, größter Hafen im Mittelmeer.

Nach einigen Tagen bei der Kompanie in La Penne, Verlegung nach Aubagne, etwa 15 Kilometer östlich von Marseille. Im Januar 1944 Verlegung nach Ste. Marguerite, ein Vorort von Marseille.

Der Dienstplan ergab alle paar Tage einen fast freien Tag. Ich begann, meist allein, da immer nur einer frei hatte, die Stadt zu erkunden. Es gab viel zu sehen: Der alte Hafen, das zerstörte alte Hafenviertel, die große Prachtstraße Canebière, die Kirche Notre Dame de la Garde auf dem hohen Kreidfelsen. Diese Stadt, in der ein buntes Völkergemisch lebt, hat mich von Anfang fasziniert.

„Aus Sonnenschein folg Regen": Ende August begann für mich die Gefangenschaft und ich lernte Marseille von einer anderen Seite kennen. Zuerst drei Monate in „Les Baumettes", dem großen Gefängnis im Süden der Stadt. Eine schlimme Zeit, nur unterbrochen von einigen Tageskommandos beim Ami. Dann eingeteilt zu einem festen Arbeitskommando mitten in der Stadt, in der Nähe vom Bahnhof Prado. Aufgrund meines Berufes (kein Handwerker) kam ich zum so genannten fliegenden Kommando, das heißt, immer auf leeren oder vollgeladenen Lkws unterwegs, kreuz und quer durch die Stadt. Hafen, Bahnhöfe, Waggons entladen, aber auch wochenlang Holz im Wald von Gemenos (die heutige Partnerstadt von Heuchelheim) holen. Dadurch lernte ich wieder Stadtteile kennen, wo ich noch nie gewesen war. So war mir Marseille ist wie eine zweite Heimat geworden. Auch heute noch fühle ich mich dort nicht fremd und habe keine Probleme, im Gegensatz zu manchen Franzosen, auch mitten durch die Stadt und das Verkehrchaos zu fahren, um einen alten Kriegkameraden zu besuchen.

Marseille heute (im Sommer) mit den Worten von Schriftsteller Peter Seidler beschrieben: „Atemberaubend und Ohren betäubend: Der Abgasgestank und das Gehupe in den Autoschlangen. Unerträglich, aber eigentlich mag ich diese Stadt. Muss nur noch ergründen was ich mit „eigentlich" meine.

Marseille:

Mit Vororten 1 Mio. Einwohner, zweitgrößte Stadt Frankreichs, größter Hafen am Mittelmeer. Etwa 600 v. Chr. Durch Griechen gegründet. 1720 starben in Marseille, 50000 Menschen durch die Pest.

 

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