Gründungsgeschichte

Partnerschaftsgeschichte - Werdegang

Im Januar 1963 wurde der Vertrag über die Deutsch - Franz. Zusammenarbeit von Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer unterzeichnet. Dieser Vertrag sollte die Aussöhnung und die Freundschaft beider Völker vertiefen und ausgestalten. Dies konnte an der Basis wirksam vollzogen werden und so waren die Städtepartnerschaften eines der ersten Ziele um den Vertrag zu erfüllen.

Die Annäherung zweier Völker, die in der Vergangenheit viele Kriege gegeneinander geführt haben, konnte nicht allein durch politische Willensentscheidungen von „oben“ erfolgen, sie musste wachsen durch zahllose Gespräche und Begegnungen, durch Freundschaften und durch das geduldige Bemühen der Bürger beider Seiten. So konnten die Hypotheken der Vergangenheit abgetragen und neue Freundschaften entwickelt werden.

Für Sarrians und Biebertal waren die Zeit gemeinsamen Weges und Lebens reich an Abwechslung, gemeinsamen Erfahrungen und Freundschaften.

Beide Gemeinden haben in diesen vergangenen 40 Jahren ein Beispiel gegeben wie eine solche Aufgabe bewältigt werden kann. Wie auch bei verständlichen Schwierigkeiten der Weg aus der Vergangenheit in die gemeinsame Zukunft gefunden werden kann.

Die Bürgermeister von Sarrians  und von damals Rodheim -Bieber Herr Grangier und Herr Meckel wollten die Gedanken der Völkerverständigung schon 1963 in die Tat umsetzen und begannen mit der Partnerschaft.

Am 15.9. 1968 wurden in Sarrians und am 6.3.1969 in Rodheim-Bieber die Urkunden für die Verschwisterung unterzeichnet.

Um die Bürgermeister Grangier und Meckel hatte sich damals schnell ein Kreis von Begeisterten zusammengefunden und gegenseitige Besuche verschiedenster Gruppen konnten stattfinden.

Anfang der 70ger Jahre musste unsere Partnerschaft harte politische Zeiten überstehen.

In den folgenden Jahren mussten beide Gemeinden erleben, dass immer noch alte Wunden und Widerstände in der Bevölkerung - bis hin zur obersten politischen Ebene der Gemeinde von Sarrinas --vorhanden waren. Nach dem Ausscheiden von Bürgermeister Grangier 1972  wurde die Partnerschaft in Sarrians zum Wahlinhalt für den neuen Kandidaten. Der neu gewählte Bürgermeister Herr Bocheron und die Gemeindeversammlung zweifelten die Richtigkeit der Urkundenunterzeichnung an  und blockierten die bisherigen Austausche. Es gab keine offiziellen Empfänge mehr in Sarrians, ja es wurden sogar Gruppen ausgeladen.

Der Bürgermeister ließ den Gemeinderat von Sarrians abstimmen und beschließt eine 2.Partnerschaft jetzt mit einer belgischen Gemeinde zu suchen und einzugehen.

So sollte es den Gegnern der deutsch-franz. Partnerschaft leichter gemacht werden den deutschen Partner zu dulden und langsam die Widerstände abzubauen.

1979 verzichtet Sarrians auf diese 2.Partnerschaft und will sich bemühen die offizielle Bestätigung der Partnerschaft - die angeblich fehlte - durch die franz. Behörden zu bekommen.

1980 wird  Andrey Rey  Bürgermeister und die Partnerschaft bekommt wieder die notwendige Anerkennung und Unterstützung von Seiten der Gemeinde.

Herrn Meda, Herrn Blay und Frau Edmonde Martin möchte ich beispielhaft für alle aktiven Freunde in Sarrians nennen, die in diesen schweren Zeiten für das Überleben gekämpft haben. Die Gründung der Partnerschaftsvereine, unabhängig von politischen Farben war der richtige Weg.

Bürgermeister Helmut Bechlinger tatkräftig unterstützt von Herrn  Karl Leib reagierte mit der Einberufung einer Partnerschaftskommission am 5.6.1973. Diese Kommission, unter der Federführung von Herrn Karl Leib, bereitete die Gründung des Deutsch- Franz. Vereins vor. Es wurde ein Satzungsentwurf erarbeitet und am  12.4.75 konnte die offizielle Gründungsversammlung stattfinden.

In den ersten Vorstand wurden gewählt: 1.Vors.Herr Leib ,2. Fr. Meckel-Jung, Geschäftsführer Herr Roth, stellvertr.Gesch. Herr Pujade, Kassenwart Herr Weber, Besitzer: Herr Künzl, Herr Paul, Herr Hasselbach und Fr. Schiefer. Nun wurden die jährlichen Fahrten und das Jahresprogramm von dem Vorstand geplant und durchgeführt.

Diese kritischen Jahre konnte die Partnerschaft nur mit Hilfe der vielen starken persönlichen Bindungen, den engen Freundschaften und durch den unermüdlichen Einsatz von Karl Leib überdauern.

1981, am 8.4. kommt Bürgermeister Ray mit 3 Vertretern der Gemeinde Sarrians zu dem 1. offiziellen Besuch --nach knapp 10 Jahren der Unterkühlung--nach Biebertal.

Nun konnte der Wortlaut des Partnerschaftsvertrages wieder lebendiges Werk werden. Wortlaut des Partnerschaftsvertrages  :„Aufgrund der Beschlüsse der Gemeinderäte beider Gemeinden und in der Gewissheit, dem Willen und Wohle der Bürgerschaft zu entsprechen, bekräftigen die gesetzlichen und in freier Wahl ihrer Mitbürger gewählten Vertreter dieser Gemeinden, im Geiste der Freiheit und Freundschaft durch die Pflege enger persönlicher Verbindungen zwischen unseren Bürgern und unserer Jugend einer friedlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich zu dienen und damit zur Sicherung einer glücklichen Zukunft in einem geeinten Europa beizutragen.“

 

Aktivitäten in Zahlen

Seit 1963 konnten wir in Biebertal ca. 25 Gruppen aus Sarrians als Gäste in Biebertal willkommenheißen  -- und ca.  26 Fahrten nach Sarrians konnten unternommen werden. So haben wir in den „40 Jahren“ Partnerschaft über 1100 Gäste aus Sarrians in Biebertal zu Besuch gehabt und in Sarrians sind über 1100 Gäste gewesen.

Als trauriges Ereignis ist uns allen der 22. Sept.1992 in Erinnerung, als Sarrians von einer schrecklichen Unwetterkatastrophe heimgesucht wurde. 65o Häuser wurden überflutet ca. 100 waren gar nicht mehr bewohnbar. 2000 Einwohner waren direkt betroffen.

1. Vorsitzender Karl Leib und Bürgermeister Günther Leicht organisierten tatkräftige und finanzielle Hilfe. Viele von Ihnen haben mit ihrer Spende den verzweifelten Freunden in Sarrians geholfen.

Aber sie erinnern sich sicher auch noch an freudige Ereignisse z. B.: die 20-Jahr-Feiern der Partnerschaft 1988 und 1989 und die 25-Jahr-Feiern 1993 und 1994 und die 30-Jahr-Feier 1998 und 1999 und nicht zu vergessen die Verleihung der Europafahne 1995.

All’ diese tiefen Eindrücke, die vielen ganz persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse, die engen freundschaftlichen Kontakte, die persönlichen Verbindungen, die dabei entstanden, lassen sich nicht in Daten oder Zahlen ausdrücken.

In Biebertal haben mit besonderem Engagement die Herrn Bürgermeister Bechlinger und Leicht gearbeitet, sowie der Vereinsgründer und langjährige 1. Vorsitzenden, der Verstorbene Herrn Karl Leib, ebenso Herr Herrmann Weber und Herr Karl Künzl. Sie haben auf Biebertaler Seite nie aufgegeben und immer wieder nach Wegen gesucht diese Partnerschaft mit Leben zu erfüllen. In Sarrians war es Herr Maurice Berangier, der mit viel Engagement als Vorsitzender des Partnerschaftsvereins die Partnerschaftsarbeit leitete.

 

Das Potential - persönliche Bindungen

Viele unserer Mitglieder sind schon seit den ersten Stunden dabei und sie können sicher aus diesen Jahren vieles erzählen und sich an manche schöne Stunde und gemeinsames Erlebnis erinnern. Es waren fröhliche Begegnungen, wobei die mangelnde Sprachkenntnis kein Hindernis war. Wir konnten gemeinsam feiern und singen, wir konnten  ein Stück Weg gemeinsam gehen.     Traurig wurde es nur wenn es galt Abschied zu nehmen und wenn vorerst ein letztes Mal französische Küsschen getauscht wurden.

Einige der Kinder waren so begeistert, dass sie zusätzlich für einige Wochen in Familien als Gäste lebten .Sie wollten die Sprache besser lernen oder auch ein Praktikum absolvieren.

Die 3. Generation ist nun z.T. schon erwachsen und hat die Freundschaften noch nicht vergessen, sondern fortgeführt.

Die vielen kleinen Dinge im verborgenen, die Gäste haben und Gäste sein mit Leben erfüllen und den Einzelnen sich wohl fühlen lassen, das haben sie alle in diesen 40 Jahren getan.     So sind wir zusammengewachsen,  haben Grenzen unbedeutend werden lassen und so haben wir uns die schreckliche Vergangenheit verziehen.

Ich hoffe wir bleiben noch lange Freunde und dies mit vielen, vielen gemeinsamen Unternehmungen. Dann können wir auch mal ein Missverständnis oder Streit austragen, ohne dass die Freundschaft verloren gehen muss.

Erzählen wir von dieser Freundschaft immer wieder unseren Kindern und geben wir ihnen die Möglichkeit sich an unserem Vorbild zu orientieren und an dieser Partnerschaft teilzuhaben.

 

 

 

Die Partnerschaft, die Vereinsarbeit und das Jubiläum

Der Wechsel in der Vereinsführung 1995 war tragisch. Der Tod von Herrn Leib hat uns alle tief betroffen gemacht, tragisch wenn der Mensch nicht mehr da ist, helfen kann, den Wechsel nicht begleiten kann.

Da ich aber den Vereinsbeginn bereits 1973 in der Partnerschaftskommission miterleben und mit gestalten konnte fiel ich nicht ins kalte Wasser. Es dauerte eine ganze Zeit bis die Angst bei vielen gewichen war, es könnte etwas von dem Erreichten und Gewohnten verloren gehen. Von Anfang an habe ich auf Teamarbeit gesetzt und fand im Vorstand große Zustimmung und jederzeit die Bereitschaft Absprachen, Planungen und Aktivitäten auf mehreren Schultern zu tragen. Der Vorstand ist eine gesunde Mischung aus Personen der 2. Generation und begeisterten Partnerschaftsanhängern. Mit großem Engagement füllen sie die ehrenamtliche Tätigkeit aus und bemühen sich die Freude und Begeisterung weiter zu geben ohne über die vielen Stunden der Arbeit ein Wort zu verlieren.

Mit der neuen Vereinssatzung 1996 hat der damalige Vorstand ein Zeichen für die Jugend gesetzt. Jugendliche ab 16 Jahren bekamen Stimmrecht. Der Name des Vereins wurde dem Volksmund angepasst, aus „Verein zur Förderung der deutsch-französischen Freundschaft“ wurde „Verein für deutsch-französischen Freundschaft“. Dies klingt nach wenig war aber ein Weg durch viele Instanzen, die Zustimmung der Mitgliederversammlung, der Eintrag ins Vereinsregister und letztlich die Setzung der Vereinssatzung für die Druckerei.

Die Sprache, die oft ein Hindernis darstellt haben wir ganz natürlich und ohne Anspruch auf Perfektion gepflegt. Besonders in Sarrians konnten viele Hürden überwunden werden und auch in Biebertal konnte vielen die Angst vor Fehlern beim Sprachgebrauch genommen werden. Es geht eben oft auch zur Not mal mit „Händen und Füßen“. Den meisten tut das immer noch gut, jeder kann ganz selbstverständlich radebrechen, nach Worten suchen und eben das eine oder andere auch mal nicht verstehen. Es gab viele Situationen in denen wir herzlich über Sprachwitze lachen konnten. So kannte ich schon als 13 jährige die Gespräche zwischen Grangier und meinem Vater beobachten. Keiner von beiden konnte ein Wort französisch oder deutsch und doch haben sie den ganzen Tag miteinander gesprochen und sich ganz offensichtlich auch verstanden.

Der Generationswechsel ist vollzogen. Wir warten jetzt bereits auf die dritte Generation, die Generation unserer Kinder. Von 238 Mitgliedern des Vereins sind 30 Jugendliche und etwa zweidrittel sind unter 60 Jahren, darauf sind wir stolz.

Die angebotenen Aktivitäten sind zwanglos und stehen unter dem Anspruch der Geselligkeit, der französischen Lebenskultur und der Begeisterung für die Sprache.

Die Filmabende, der Schlemmerabend „amuse gueule“, die Boulevereinsmeisterschaften mit dem Familienangebot, die Wanderungen bzw. Führungen, die Fahrt ins Museum sind nur einige Beispiele.

Trotz allem ist es schon erstaunlich, dass eine Beziehung 40 Jahre so lebendig bleibt, immer neu gestaltet werden kann und dabei die Wurzeln nicht vergessen gehen.

Nehmen wir z. B. die von der Jugendgruppe herausgegebne Zeitung „crème frâiche“. 1992 bis 2001 haben Jugendliche Vereinsmitglieder unter der Leitung von Christiene Czarski die Partnerschaftsereignisse und viele andere Themen Jahr für Jahr zusammengestellt. Nehmen wir die Jugendcamps, die Begegnung der Grundschulkinder, die Sprachkurse für Kinder dies ist ein Teil der immer neuen Angebote und Ideen die Begeisterung für die Partnerschaft bei Kindern und Jugendlichen aufzubauen.

Bleibt noch an die Internetpräsenz zu erinnern! Die Webseite gibt einen kleinen Überblick über die Partnerschaft und ihre Aktivitäten. Gepflegt wird sie zur Zeit auch von mir.

 

Aber reden wir zum Abschluss von der Zukunft und dem Hintergrund unserer Vereinsarbeit.

Europa ist zusammengewachsen, die Welt globalisiert, Reisen weltweit möglich und die Medien geben uns weltweite Einblicke in andere Kulturen.

Wir haben durch unsere Freundschaften die Geschichte mit Frankreich aufgearbeitet.

Interkulturelle Kompetenz ist das zeitgemäße Stichwort. Gemeint ist die Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturkreise erfolgreich zu agieren, im engeren Sinne die Fähigkeit zum beidseitig zufrieden stellenden Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen.

Akzeptanz und Toleranz des Anderen als oberstes Ziel.

Wir wollen eine gesunde Mischung aus Selbstvertrauen und Sensibilität aufbauen sowie das Verständnis anderer Verhaltensweisen und Denkmuster, die Fähigkeit sich verständlich zu machen und Flexibilität zu zeigen erreichen.

Nehmen wir das Beispiel die Pünktlichkeit: im Mittelmeerraum ist es normal oder wird zumindest toleriert, wenn man etwa eine halbe Stunde zu spät zu einem Termin kommt, in Deutschland kann dies bis hin zur Beleidigung gewertet werden.

Wir können mit unseren Aktivitäten der Partnerschaft vielfältige Erfahrungen und Lernprozesse ermöglichen: Abbau von Vorurteilen, Respekt vor Menschen anderer Kulturen, Umgang mit der anderen Sprache, Friedenserziehung, um nur einige zu nennen.

Deshalb reisen wir nach Frankreich, spielen wir Boule, bieten einen „amuse gueule“, zeigen Filme in französischer Sprache usw.

Das alles bietet viele Chancen für uns alle. Aber besonders die Jugend kann Erfahrungen sammeln, die ihnen möglicherweise viele Tore in Europa und darüber hinaus öffnen.

Dieses Arbeitsfeld ist unerschöpflich und wird immer aktuell bleiben.

 

Brigitte Meckel-Jung (2009)

 

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